In Bed With Putin - Wie nahe können sich Russen und Deutsche kommen?

Ein provokativer Abend. Kann man Potenzpräsident Putin mit Steinmeierscher Kuschel-Diplomatie stoppen? Ist der anarchische Widerstand von Pussy Riot und Co. mehr als Sexsymbolik? Oder hatte Putin mit der Krim-Annektion am Ende gar recht?

Es war der Auftakt zur Gesprächsreihe "Don't Forget, Dance" in der "janinebeangallery": Anlässlich der neuen Ausstellung der in Moskau geborenen Malerin Inna Artemova diskutierte ich eingehend mit dem "Tagesspiegel"-Journalisten Nik Afanasjew, der soeben von einer zweimonatigen Russland-Reise zurückgekommen ist. 

 (c) Sandra Höhne

(c) Sandra Höhne

Potenzpräsident Wladimir Putin hat die westliche Welt in einen Neuen Kalten Krieg hinein gesteuert. Das ist das gängige "Narrativ", das man sich in Deutschland und Europa über die Politik Russlands erzählt. Die völkerrechtswidrige Annektion der Krim, die Allianz mit Diktator Assad im Syrien-Krieg und eine grundsätzlich nicht rechtsstaatliche Machtausübung, so heißt es immer wieder, "haben das Verhältnis zum Westen verschlechtert". Die Folge: Wir Europäer fühlen uns bedroht, reagieren mit Angst. "Don't Forget, Dance" will an diesem Abend dieses Narrativ hinterleuchten. Wie nehmen die Russen das Ganze wahr? Wozu dient unsere westliche Angst?

Nik Afanasjew ist 1993 im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Die Eltern haben die Einreisemöglichkeit als russische Spätaussiedler wahrgenommen und sind ins Ruhrgebiet gezogen. Während der Vater, so Afanasjew, weiterhin viel russische Medien konsumiert, ist der Sohn, der als Journalist in Berlin arbeitet, mit der deutschen Perspektive aufgewachsen. Um diese zu hinterfragen, ist er in diesem Sommer zwei Monate lang durch Russland gereist, von der Krim über Moskau bis nach Novosibirsk und Tscheljabinsk, seine Heimatstadt. Über die Erlebnisse, vor allem über die vielen Gespräche, die er mit Menschen der verschiedensten Art gemacht hat, hat Nik Afanasjew ebenso pointierte wie humorvolle Reportagen geschrieben: 

"Die Russen wollen vor allem wissen: 'Was denken die Deutschen von uns?' Wenn ich dann sage, dass ihr Urteil durch die Ukraine-Krise stark gelitten hat, sagen sie: 'Wir haben euch doch die Wiedervereinigung gegönnt. Warum gönnt ihr uns unsere nicht?' Und: 'Kennt ihr euch mit Geschichte nicht aus? Lest ihr nicht?' Manchmal auch, sehr ungläubig: 'Glaubt der Westen wirklich, Russland will jemanden angreifen?'"

Das ist die erste wichtige Erkenntnis dieses Abends: Wer sich unter Russen begibt, schaut in Bezug auf den "Neuen Kalten Krieg" in einen Spiegel, erkennt sich in diesem Spiegelbild selbst. In diesem Spiegel ist es nicht Putin, der das Klima zwischen dem Westen und Russland auf neuen Konfrontationskurs gebracht hat - es ist der Westen, Amerika und die Nato, die Russland bedrohen und Russland zur Notwehr zwingen. Mit dem Rücken zur Wand hat Putin sich die Krim gesichert.

Deutschland, so Afanasjew, wird in diesem Zusammenhag nur als Marionette des Westens wahrgenommen. Man bedauert Merkel für ihre Flüchtlingspolitik. Erstaunlich ist vor allem, welch einhellige Meinung Afanasjew in Russland vorgefunden hat. Wo er auch hinkommt, decken sich die Ansichten, der Ural tickt nicht anders als die Hauptstadt. Während sich in ganz Westeuropa die Gesellschaften polarisieren und in zwei kaum versöhnbare Lager spalten, in rechte Nationalkonservative und sozialdemokratische Mittelinke, zieht Russland an einem Strang. 

"Es gibt ganz klar diese Mehrheitsstimmung. In Russland verläuft die Linie anders, zwischen der Gesellschaft und dem Familiären. Die Leute ziehen sich eher ins Familiäre zurück", sagt Nik Afanasjew. "Es gibt die eine übergeordnete Idee von Nationalstolz und dann die eigene Familie. Das große Dazwischen, um das man ringt und das in Deutschland viel die Politik ausmacht, das kommt da nicht so richtig vor."

Dies liegt nicht nur daran, dass es keine diskursive Zivilgesellschaft gibt - und erst recht keine relevante Intellektuellen- und Kunstopposition, die in den deutschen Medien immer so große Aufmerksamkeit findet ("Pussy Riot"). Es liegt an einer Mehrheitszufriedenheit, die auch wirtschaftlich fundiert ist, aber vor allem in einem russischen Patriotismusgefühl wurzelt. Russland empfindet sich als Wertegemeinschaft, in der die Welt in Ordnung ist. Während der Westen in einem riesigen, dekadenten Werterelativismus versinke. 

Das passt zu den Analysen von Dimitri Trenin, dem Direktor des Carnegie Moscow Center, den der ZEIT-Journalist Theo Sommer vor kurzem zu Putins Politik befragte. Sommer resümiert in einem Artikel, dass Putins Hinwendung zum Christentum dem Westen "die Werte der 'russischen Welt' entgegen[setze]: die Heiligkeit der Familie, die Verwurzelung im orthodoxen Glauben, einen gänzlich auf den Staat zentrierten Patriotismus." Wobei er als opportunistischer "absoluter Monarch" letztlich der Stimmung im Volke folge. 

Ob sein Vater seine Reportagen lese und was er davon halte, will Thomas Brussig am Ende aus dem Publikum von Nik Afanasjew wissen. "Ja, die Sachen wurden ins Russische übersetzt. Aber irgendwann sind alle Argumente auch ausgetauscht. Alle paar Monate streite ich mit ihm, aber es passiert nichts Neues, was das Ganze auf den Kopf stellen würde."

Fazit von "Don't Forget, Dance": Die westliche Perspektive ist nicht weniger "ideologisch verblendet" als die russische. "Unser" Interesse am Narrativ vom "bösen Putin" liegt in einer globalkapitalistischen Logik, glaubt auch Nik Afanasjew, gegen die Russland tatsächlich zur Reaktion gezwungen werde. Die gute Nachricht dabei ist, dass Putin und die Russen nicht die genuinen Kalten-Kriegstreiber sind, als die sie das westliche Narrativ immer wieder beschwört, sprich: dass sie uns weit weniger Angst machen müss(t)en, als die Nachrichten es tun. Die schlechte Nachricht ist, dass das nichts am Missverstehen zwischen beiden Seiten ändert, sprich: dass sich zwei gegensätzliche Narrative spiegelbildlich gegenüber stehen, die sich im Augenblick kaum vermitteln lassen. 

Wenn der Kalte Krieg nicht in einen echten Krieg übergehen soll, dann bedarf es - so sagt Dimitri Trenin vom Carnegie Moscow Center - europäischer Diplomatie. Deutschland prostituiert sich also keineswegs, wenn es mit Putin ins Bett steigt. Was von manchen als Steinmeierscher Kuschelkurs wahrgenommen wird, ist in Wahrheit diplomatische Weltenrettung. In den Geschichten von Nik Afanasjew schlummert die Kraft des Hinhörens, des Perspektivenwechselns und des Verstehens, die die Grundlage dafür ist. Bravo. 

Die Veranstaltung fand statt: "janinebeangallery", 13.9., Torstraße 154, 10115 Berlin, Beginn: 20 Uhr.