Einmal Tango in Nahost: David Grossmann erlöst uns mit einem Witz

Kommt ein israelischer Starschriftsteller in eine Pizzeria. Winkt er dem italienischen Keller, um zu bestellen. Sagt der Kellner: "Was darf es sein?" Hängen die deutschen Fans am Tisch an den Lippen des israelischen Starschriftstellers und warten sehnsüchtig darauf, dass er eine Lösung für das Nahostproblem äußert. 

So oder so ähnlich müsste ein Witz beginnen, der von David Grossmann handelt und seiner Lesereise hierzulande zu seinem neuen brillianten Roman "Kommt ein Pferd in eine Bar". Ja, warum hungern gerade wir Deutschen so sehnsüchtig danach, dass endlich eine Lösung für den Nahostkonflikt gefunden wird? 

David Grossmann weiß das natürlich, weiß auch, dass ein Teil seines schriftstellerischen Ruhms hierzulande auf dieser deutschen romantischen Sehnsucht nach dem Friedenswort beruht, und er dosiert seine Sätze wohlbemessen, spricht in erzählerischen Parabeln, bestellt in der Pizzeria natürlich nur einen Merlot. "Ich werde mit Anfragen derart überflutet", sagt er mir auf Nachfrage im Gehen, "dass ich überhaupt keine Anfragen beantworte."

Umso großartiger, wie es Lothar Müller zuvor bei der Lesung in der Akademie der Künste gelingt, den Starschriftsteller nach einer detaillierten Analyse seiner erzählerischen Poetik in die politische Bekenntnisfalle zu locken. Die Hauptfigur in seinem Roman, ein Stand-Up-Comedian in einer Show, leide unter einer Identitätskrise. Und genau so sei es mit Israel, sagt Grossmann: 

David Grossmann, Lothar Müller

David Grossmann, Lothar Müller

"There is such sweetness in becoming yourself again. In uniting with your real self, even if it happens at a very old age. And I think that part of feeling of mistake that many people do feel in Israel is the understanding that we are not living the life we should have lived. We live in parallel to this life. We did not have the chance to live a normal life, a life of peace, a life where you walk in the street and have not to be afraid that someone will put a knife into your back, a life that you can breathe with both lungs. I deeply believe that only having peace with our neighbours, this will allow us the life that we should live."

Nicht nur dass eine Friedenslösung viele praktische Probleme aus der Welt schaffe. Auch lasse sich nur auf diesem Weg ein echtes Leben leben, das sich nicht nur von einer Katastrophe zur nächsten erstrecke, mit einer neuen finalen Katastrophe am Horizont: 

"Somewhere down the line there will be an enemy who will be stronger than us, more courageous. I think everyone should ask himself: Does it work to continue this ongoing state of war? Sometimes we have also to make the palestinians come to talk to us because they also refuse to talk to us during the last months. It's not only the responsibility of Israel. It's a kind of tango of two people who because of distorted interests are not really doing the necessary thing. Just talking to each other to see where they are agreeing and where we agree." 

Eine Art Tango. Mit anderen Worten: "Don't forget, dance". Nicht die Realitäten vergessen, aber nur beim gemeinsamen Tanz lässt sich ein Weg zum Frieden finden. Ein Bild, wie für diesen Blog gemacht. 

Ja, Grossmann weiß, wonach sein Publikum verlangt. Er weiß wie jeder große Künstler, mit dem dramaturgischen Spiel von Verweigerung/Verschweigen und Geben/Äußern Emotion und Bedeutung zu erzeugen. In seinem Roman über den verzweifelten Stand-Up-Comedian werden, kontrastierend zum existentiellen Tenor seines Auftritts, viele gute Witze erzählt. Nur einer nicht - nicht der, der dem Buch den Titel gegeben hat: Kommt ein Pferd in eine Bar. Er wird nur anerzählt und bricht dann ab. Ein schmerzhafter Lesemoment. 

Jetzt aber, bei seinem Berlinbesuch, erzählt Grossmann den Witz zuende. Es ist kein großer Witz, es gibt viel bessere in seinem meisterhaften Buch. Aber weil der israelische Starschriftsteller jetzt ganz persönlich die Pointe auflöst, brechen seine deutschen Fans in frenetisch wieherndes Gelächter aus. 

"Walks a horse into a bar. He comes to the barman and says: "Ah, I would like to have a chaser of wodka." The barman is astonished but serves the horse the wodka. The horse drinks. "How much is that?" The barman looks at him and says: "Well, fifty bucks." "Fifty bucks. Okay." The horse pays, goes to the door. The barman runs after him: "Excuse me, Mr. horse, I never saw a talking horse." The horse looks at him and says: "With your prices, you will never see one again."